Wenn IT zur Strategie wird

Wie Unternehmen ihre IT nicht nur betreiben, sondern gezielt als strategisches Steuerungsinstrument nutzen können, darum ging es bei einer Gastvorlesung am 28. April am Herman Hollerith Zentrum (HHZ) . Eingeladen war Michael Münzinger, Chief Enterprise Architect bei SAP Deutschland. Die Veranstaltung eröffnete die neue Reihe „HHZ Industry Insights“ und zog mehr als 150 Studierende sowie Gäste aus Hochschule und Praxis an.
Enterprise Architektur klingt technisch, meint aber weit mehr als Software und Systeme. „Im Kern geht es darum, Geschäftsziele und IT so aufeinander abzustimmen, dass Entscheidungen schneller, transparenter und nachhaltiger werden“, erläuterte Münzinger. Unternehmen stünden heute vor der Herausforderung, dass ihre IT‑Landschaften oft über viele Jahre gewachsen seien, mit zahlreichen Einzellösungen, redundanten Daten und komplexen Schnittstellen.
Wie sich diese Komplexität beherrschen lässt, verdeutlichte Münzinger anhand eines praxisnahen Beispiels. Ein fiktives Industrieunternehmen mit rund 1.200 Mitarbeitenden plant seine bestehenden ERP- und CRM-Systeme, also Softwarelösungen zur Steuerung zentraler Geschäftsprozesse und zur Organisation von Kundenbeziehungen, zu konsolidieren und zusätzlich eine digitale Kundenplattform aufzubauen. Über diese Plattform sollen Kunden künftig Bestellungen einsehen, Serviceanfragen stellen oder Rechnungen abrufen können. Gleichzeitig ist vorgesehen, dass intern alle Abteilungen mit einer einheitlichen und aktuellen Datenbasis arbeiten.
Solche Vorhaben betreffen jedoch nicht nur die IT, sondern verändern Prozesse, Zuständigkeiten und Entscheidungswege im gesamten Unternehmen. Genau hier setzt die Enterprise Architektur an. Orientierung bietet dabei das international etablierte Framework TOGAF (The Open Group Architecture Framework). Ein Framework ist dabei kein starres Regelwerk, sondern ein strukturierender Ordnungsrahmen. Es hilft Unternehmen, ihre aktuelle Situation zu analysieren, ein Zielbild zu entwickeln und den Weg dorthin Schritt für Schritt zu planen. Neue Systeme, Prozesse und Investitionen passen so sinnvoll zusammen und schaffen dadurch langfristig Mehrwert.
Einen besonderen Eindruck hinterließ der Blick in den Arbeitsalltag eines Enterprise Architekten. Münzinger schilderte einen typischen Tag mit Architektur‑Reviews, Projektabstimmungen, Workshops mit Fachbereichen und Sitzungen in Entscheidungsgremien. Die Technik stehe dabei überraschend selten im Mittelpunkt.
„Rund zwei Drittel meiner Arbeit bestehen aus Kommunikation“, sagte Münzinger. „Enterprise Architektur heißt, zwischen Management, Fachabteilungen und IT zu vermitteln und technische Optionen in verständliche Entscheidungsgrundlagen zu übersetzen.“
Die Veranstaltung war zugleich Auftakt des neuen Elite‑Upskilling‑Konzepts am HHZ. Ziel ist es, Studierenden über das reguläre Studium hinaus besonders praxisnahe Einblicke zu ermöglichen und sie gezielt auf anspruchsvolle Rollen in der digitalen Wirtschaft vorzubereiten.
„Wir wollen Studierende nicht nur fachlich ausbilden, sondern ihnen zeigen, wie komplexe Entscheidungen in der Praxis tatsächlich entstehen“, erklärte Prof. Dr. Alexander Rossmann, Leiter des Herman Hollerith Zentrums. „Der direkte Austausch mit erfahrenen Praktikern wie Michael Münzinger ist dafür unverzichtbar.“ Im Anschluss stand Münzinger den Studierenden noch für Fragen zur Verfügung.
Das nächste HHZ Industry Insights Event findet am 2. Juni statt. Zu Gast ist Carsten Amann, Senior Vice President Business and Chief Digital Officer bei Bosch, der eine Gastvorlesung mit dem Titel „AI investment philosophy. Make sure, the value is higher than the price“ hält. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Unternehmen durch eine klare KI Investmentphilosophie und den Einsatz der globalen Agentenplattform MArK messbaren geschäftlichen Mehrwert erzielen können, anstatt lediglich in Künstliche Intelligenz zu investieren.




